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8.2.2005 | Kommentare (0)
Meldemannstraße 25-27 - Ehemaliges Männerwohmheim (1484 Besucher)
Die Meldemannstraße wäre heute wohl eine wenig bekannte Wohnstraße im 20. Bezirk, hätte im dortigen ehemaligen Männerwohnheim nicht ein heruntergekommener Postkartenmaler drei Jahre lang gewohnt. Sein Name war Adolf Hitler. Doch schon bevor der Rummel um die ehemalige Wohnstätte des zukünftigen NS-Diktators entstand, war das sechsstöckige Männerwohnheim eine Sensation gewesen. Es gehörte zu den modernsten Asylheimen Europas. 1905 war es eröffnet worden, finanziert von dem „Kaiser Franz Josef I. Jubiläumsfond für Volkswohnungen und Wohlfahrtseinrichtungen“. Dieser wurde durch Spenden finanziert, ein wesentlicher Teil davon kam von jüdischen Familien wie den Rothschilds oder Gutmanns.
Die Brigittenau war um die Wende zum 20. Jahrhundert der damals am schnellsten wachsende Wiener Gemeindebezirk. Die Bewohnerzahl war von 37. 000 (1890) auf über 101. 000 Einwohner (1910) angewachsen. Die meisten der Zuwanderer waren Arbeitssuchende aus Böhmen, die meist als Bettgeher leben mussten. Bettgeher waren meist Arbeiter, welche ohne Familie und mittellos waren. Sie mussten in überfüllten Notquartieren oder gar bei Familien übernachten. Außer dem Recht auf einen Schlafplatz hatten sie dort nichts. Das neue Männerheim in der Meldemannstraße 25-27 hatte hingegen einen Gemeinschaftssaal, Gemeinschaftsküchen, eine Schneiderei, eine Schusterei, Gepäckmagazine, eine Fahrradremise, Raucherzimmer und sogar eine Bibliothek. In dieser lagen auch aktuelle Zeitungsausgaben auf.
Hygienisch war das Männerwohnheim für die damalige Zeit hervorragend ausgestattet. Es gab Gemeinschaftsbäder mit Duschen und Wannen. Ein Hausarzt ordinierte tageweise unendgeltlich, es gab auch ein Krankenzimmer. Die mittelosen Männer waren damals alle in Einbettzimmern untergebracht, 544 Obdachlosen wurde dort Platz geboten. Ein deutlicher Fortschritt zu den damals üblicherweise riesigen und oft überfüllten Schlafsäalen in städtischen Obdachlosenasylen. Alle Zimmer (1,40 mal 2,17 Meter groß) waren mit elektrischem Licht, einem Tisch, einem Spiegel, einem Kleiderständer und einer verschließbaren Tür ausgestattet. Die Preise im Heim waren sehr günstig, der finanziellen Lage der Kundschaft angepasst. Eine Woche im Männerheim kostete 2,50 Kronen, ein Hilfsarbeiter verdiente damals rund 1000 Kronen pro Jahr. (Man konnte auch nur für eine Nacht dort übernachten.) Für das (gute) Essen oder das Baden musste man ebenfalls weniger als in öffentlichen Gasthäusern oder Badeanstalten zahlen.
Im Jahr 1907 versuchte knapp 18-jährige Adolf Hitler aus Braunau, Oberösterreich, zum ersten Mal die Aufnahmeprüfung an der Wiener Kunstakademie. Von den 112 Kandidaten wurden nur 28 zum Studium zugelassen (wie heute noch üblich). Hitler war nicht darunter, sein Hass auf Kunstakademien und moderne Kunst hatte wahrscheinlich hier seinen Ursprung.
Nach dem Tod seiner Mutter Klara kehrte er 1908 nach Wien zurück und versuchte die Aufnahmeprüfung nochmals. Wieder fiel er durch. (Die Frage, was gewesen wäre, hätte Hitler die Aufnahmeprüfung geschafft, ist von in der Geschichte schon oft gestellt worden.) Er lebte von seiner Waisenrente, bis diese für seine Schwester gebraucht wurde. Ab da war er mittel- und arbeitslos, die später selbsterfundene Legende vom „Bauarbeiter Hitler“ (Mein Kampf) stimmt nicht. Er musste im Wohnasyl Meidling Unterkunft suchen. Hitler begann Postkarten mit Wiener Sehenswürdigkeiten zu bemalen, immer nach Vorlage kopiert, und an Rahmenhändler zu verkaufen. So konnte er sich den Umzug in das damalige (laut Medien) „Wunder an Eleganz und Billigkeit“, das Männerwohnheim in der Meldemannstraße, leisten.
In der Heimgemeinschaft galt der Braunauer als Sonderling. Er hatte seinen Stammplatz an einer Ecke des langen Eichentisches im Schreibzimmer, wo er tagsüber zeichnete. Sein Platz war allen bekannt, sodass Neulinge, die sich dort hinsetzen wollten, gewarnt wurden, der Platz sei besetzt: »Da sitzt Herr Hitler!« Die abendlichen Besäufnisse, Ausflüge in den Prater oder Frauen interessierten ihn nicht. Immer öfter aber begann er heftig zu politisieren. Am Ende des Tisches sitzend, schwang er Reden zur Rettung der Deutschen Nation. Politisch verehrte er vor allem den Führer der Alldeutschen, Georg Ritter von Schönerer. Seine Begeisterung galt der Deutschen Nation, seine Verachtung dem Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. Den Wiener Bürgermeister Karl Lueger, der es als Populist verstand, sein Publikum mit antisemitischen Phrasen zu begeistern, nahm er sich als Vorbild, wie man Massen zu Gefühlsausbrüchen hinreißt. Rassischtische und antisemitische Schriften, welcher er abends in seinem Zimmer studierte, bildeten sein Weltbild. Auch wenn es belegt ist, dass sich sein antisemitischer Hass in dieser Zeit formte und festigte, gibt es doch Indizien, dass er mit den jüdischen Heimbewohnern gut auskam, teilweise sogar lose Freundschaften pflegte.
Die Historikerin Brigitte Hamann fasst seine Zeit in Wien folgendermaßen zusammen: "Selbst im Kreis der Männerheimbewohner gehört er noch zu den Untüchtigen. Er lässt sich treiben und bringt kaum die Energie und Arbeitskraft auf, sich mit seiner Malerei auch nur notdürftig über Wasser zu halten, geschweige denn, sich für sein Lebensziel zu qualifizieren, einmal Baumeister zu werden. Dass die sechs Wiener Jahre trotzdem Lehrjahre für den Politiker Hitler waren, zeigt sich erst im Nachhinein. Denn als er ab 1919 in Deutschland in die Öffentlichkeit ging, tat er dies vor allem mit jenen Parolen, die er in Wien lernte."
Als Hitler im Jahr 1913 die Erbschaft seines Vaters antritt, kann er es sich leisten, das ihm so verhasste Wien zu verlassen. Er übersiedelt nach München, um Architekt zu werden, aber auch um dem Militärdienst in der k. und k. Armee zu entgehen. Hitler selbst stellte später seine Jahre in Wien als seine politischen und weltanschaulichen „Lehrjahre“ dar:“ Wien ist und bleibt für mich die schwerste, wenn auch gründlichste Schule meines Lebens... Ich erhielt in ihr die Grundlagen für eine Weltanschauung im großen und eine politische Betrachtungsweise im kleinen, die ich später nur noch im einzelnen zu ergänzen brauchte, die mich aber nie mehr verließen.“ („Mein Kampf“): Seinen sozialen Abstieg in Wien verschwieg er tunlichst.
In der NS-Zeit war es strengstens verboten, einen Hinweis darauf zu geben, dass der „Führer“ dort einmal gewohnt hatte.
Nach 1945 blieb das Männerwohnheim weitgehend unbeachtet. Dies sollte sich ändern, als Historiker begannen, Hitlers Zeit in Wien zu erforschen. Vor allem Brigitte Harmanns „Hitlers Wien“ (1. Auflage 1998) sorgte für Aufsehen. Darin schildert sie genau Hitlers Erlebnisse in Wien, seine Zeit in der Meldemannstraße und welchen Einfluss diese auf den späteren NS- Diktator hatten. Viele Touristen fuhren nun extra in den 20. Bezirk, um zu sehen wo Hitler gewohnt hatte.
Im Frühjahr 2003 kam das Männerwohnheim in der Meldemannstraße neuerlich in die Schlagzeilen, als dort George Taboris Theaterstück „Mein Kampf“ (Regie: Hubsi Kramar und Tina Leisch) aufgeführt wurde. Obdachlose wirkten dabei als Randfiguren der Handlung mit.
Am 9. November 2003 zogen die letzten 232 dort noch wohnhaften Obdachlosen aus dem Männerwohnheim in der Meldemannstraße aus. Das einstige „Märchen von einer himmlischen Unterkunft auf Erden“ genügte den Anforderungen eines modernen Wohnasyls nicht mehr. Noch einmal kam das Heim Ende 2003 in die Medien, als es von der "Solidarischen Gemeinschaft für Obdachlose und Ausgegrenzte" besetzt wurde. Diese forderte, das Männerwohnheim für den Winter 2003/04 noch einmal zugänglich zu machen. Viele der alteingesessenen Bewohner des Männerwohnheims konnten sich nur schwer damit abfinden, in ein neues Heim zu ziehen. Die Besetzung wurde aber bald abgebrochen. Die Obdachlosen bekamen in der Siemenstrasse (21. Bezirk) eine neue, modernere Unterkunft. Das Haus wurde von der Stadt Wien versteigert. Ein Privatinvestor bot den Bestpreis. Im Einvernehmen mit dem Bezirksamt des 20. Bezirks, soll dort ein Geriatriezentrum entstehen. Die Außenfassade steht unter Denkmalschutz.
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